An einem feuchten Herbstmorgen am Zürcher Hauptbahnhof verschwinden Pendler im Untergrund, als würden die Berge sie selbst verschlucken. Züge gleiten in den Gotthard-Basistunnel so selbstverständlich hinein, wie man einen Supermarkt betritt. Kaum jemand fragt sich, was dieses Loch im Fels gekostet hat oder was man stattdessen hätte bauen können. Auf der Abfahrtstafel flackern die Anzeigen, Touristen ziehen ihre Koffer hinter sich her, und eine Schulklasse zeigt begeistert auf eine Karte der Alpen, die wie ein aufgeschnittener Kuchen dargestellt sind.
Draussen heult die Sirene eines Krankenwagens auf dem Weg zum städtischen Krankenhaus, das bereits fast an seine Kapazitätsgrenzen stösst.
Unwillkürlich drängt sich der Gedanke auf: Was wäre, wenn einer dieser Tunnel ein neuer Gebäudetrakt, eine weitere Notaufnahme oder eine neue Schulsporthalle gewesen wäre?
Milliarden unter dem Berg – doch was ist mit dem Leben darüber?
Die Schweiz hat das Bohren durch Berge beinahe zu einer nationalen Disziplin gemacht. Das Land zählt mehr als 3.000 Strassen- und Eisenbahntunnel, darunter rekordverdächtige Bauwerke, die Ingenieure ins Schwärmen bringen. Allein der Gotthard-Basistunnel, der längste Eisenbahntunnel der Welt, kostete rund 12 Milliarden Schweizer Franken. Diese Summe ist gewaltig, und dennoch zieht sie an den meisten Menschen vorbei wie ein Zug in der Nacht.
Wer in einem Schweizer Dorf steht und auf die verschneiten Gipfel blickt, sieht zugleich über Kilometer von Stollen, Schächten und Betonverkleidungen hinweg, die im Fels verborgen liegen. Zweifelsohne sind sie beeindruckend. Ebenso zweifellos sind sie enorm teuer.
Setzt man den Preis des Gotthard-Basistunnels in einen menschlichen Massstab, wird die Dimension greifbarer. Der Bau eines modernen regionalen Krankenhauses in Europa kostet je nach Grösse und Ausstattung meist zwischen 500 Millionen und 1 Milliarde Franken. Mit dem Budget des Gotthard-Basistunnels hätte die Schweiz theoretisch 12 bis 20 mittelgrosse Krankenhäuser finanzieren können.
Oder man denkt an Schulen. Ein neues, gut ausgestattetes Primarschulgebäude lässt sich häufig für 30 bis 50 Millionen Franken errichten. Plötzlich wirkt das Tunnelbudget wie der Bildungsplan eines kleinen Landes. Es geht um 250 bis 400 neue, helle Schulen mit Laboren, Bibliotheken und Sporthallen – eingetauscht gegen leichtere Güterzüge unter den Alpen.
Natürlich ist diese Rechnung nicht so schlicht. Tunnel werden über Verkehrsetats, besondere Bundesfonds und komplexe Volksabstimmungen finanziert. Das Geld liegt nicht einfach in einem grossen Topf mit der Aufschrift „Für alles ausgeben“. Dennoch ist öffentliches Geld stets auch Ausdruck von Wertvorstellungen. Wenn ein Land Dutzende Milliarden in Betonröhren unter den Alpen steckt, sagt es damit leise, dass schnelle Verbindungen und Güterverkehrskorridore einen höheren Stellenwert haben als die Neugestaltung des Alltags in Klassenzimmern und Notaufnahmen.
Die unangenehme Frage lautet nicht, ob Tunnel nützlich sind, sondern ob wir mit dem leben können, was wir stattdessen nicht gebaut haben.
Wenn Tunnelgeld zu Betten und Schultafeln würde
Spielen wir dieses Gedankenspiel konsequent durch – so, wie man an einem verregneten Sonntag das Haushaltsbudget prüft. Das grosse Schweizer AlpTransit-Programm mit den Eisenbahntunneln am Lötschberg, Gotthard und Ceneri wurde über die vergangenen Jahrzehnte hinweg insgesamt auf rund 22 bis 24 Milliarden Franken geschätzt. Stellen wir uns vor, dieser Betrag läge auf dem Tisch und die nationalen Prioritäten dürften neu geordnet werden.
Zu heutigen Preisen könnten damit etwa 30 neue Allgemeinkrankenhäuser entstehen. Möglich wäre auch eine Mischung aus 15 Krankenhäusern und Hunderten Schulen oder ein dichtes Netz lokaler Gesundheitszentren, das weit in abgelegene Täler reicht. Diese Zahlen sind keine Science-Fiction, sondern ergeben sich direkt aus typischen europäischen Baukosten.
Natürlich setzt sich in Bern niemand hin und sagt: „Tunnel oder Krankenhaus, wählen Sie eines.“ Die Diskussionen werden von technischen Berichten, Wirkungsstudien und langfristigen Prognosen eingerahmt. Trotzdem fahren Grosseltern im Tessin noch immer eine zusätzliche Stunde zur fachärztlichen Versorgung. Lehrkräfte auf dem Land teilen weiterhin Klassenräume, die noch leicht nach den 1970er-Jahren riechen. Und in einigen Kantonen führen Eltern stille Kämpfe um Zugang zu Sporthallen oder Nachmittagsangeboten, während Güterzüge stolz unter ihren Füssen hindurchfahren.
Wir alle kennen diesen Moment: Eine glänzende neue Infrastruktur wird eröffnet, während die örtliche öffentliche Versorgung an den Rändern still und leise zerfällt.
Ökonomen werden zu Recht einwenden, dass diese Tunnel ebenfalls Wert schaffen: weniger Lkw-Verkehr, geringere Emissionen, schnellerer Gütertransport und langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Sie sind nicht bloss Ausgaben, sondern Wetten auf künftigen Wohlstand. Krankenhäuser und Schulen sind jedoch ebenfalls Investitionen in die Zukunft – nur menschlicher und weniger fotogen.
Seien wir ehrlich: Kaum jemand postet ein Selfie von einem neu gedämmten Schuldach oder einer sichereren Notaufnahme. Grosse Tunnel gewinnen Preise, liefern Stoff für Reden und Hochglanzbroschüren. Kleine Verbesserungen in der Geburtshilfe oder in Klassen für Kinder mit besonderem Förderbedarf schaffen es kaum in die Nachrichten. Doch würde man eine Familie neben einer Trage in einem überfüllten Flur fragen, was ihr am wichtigsten ist, fiele die Antwort vermutlich deutlich aus.
Öffentliche Ausgaben als moralische Landkarte lesen
Eine einfache Orientierung in dieser Debatte besteht darin, nationale Haushalte wie moralische Landkarten zu betrachten. Man kann Zeile für Zeile fragen: Welche Geschichte erzählt diese Ausgabe darüber, für wen wir sorgen und zu welchem Zeitpunkt? Wenn Milliarden unter Granit geleitet werden, während ländliche Kliniken um Pflegekräfte kämpfen, wirkt diese Geschichte zunehmend schief.
Eine konkrete Methode besteht darin, grosse Infrastrukturzahlen in „menschliche Einheiten“ zu übersetzen. Für jede Milliarde, die für ein Megaprojekt vorgesehen ist, lässt sich berechnen, wie viele Krankenhausbetten, Zentren für psychische Gesundheit oder Lehrerstellen damit finanziert werden könnten. Damit wird nicht gesagt: „Baut niemals Tunnel.“ Es bedeutet lediglich, abstrakte Zahlen in die Lebensrealität von Menschen zu übertragen.
Die meisten von uns sind es nicht gewohnt, diese Entscheidungen infrage zu stellen – und das ist kein Zufall. Die Sprache grosser Projekte ist darauf angelegt, unausweichlich zu klingen: Korridore, Achsen, Knotenpunkte, Wettbewerbsfähigkeit. Gewöhnliche Bürger fühlen sich leicht überfordert. Wenn Sie schon einmal einen Bundesverkehrsbericht überflogen haben und Ihnen bereits auf Seite drei die Augen zufielen, sind Sie nicht allein.
Eine praktische Gewohnheit ist es, bei jedem geplanten Megatunnel oder jeder Autobahn stets zwei Fragen zu stellen: Wie hoch ist der exakte Preis pro Einwohner, und welche sozialen Leistungen werden im selben Jahrzehnt verschoben, gekürzt oder stillschweigend gestrichen? Die Antworten sind selten angenehm, aber nur selten unmöglich zu beschaffen.
„Jeder Tunnel ist eine Entscheidung“, sagte mir ein Schweizer Stadtplaner aus Basel bei einem Kaffee. „Wir stellen ihn als neutrale technische Lösung dar, aber Tunnelbeton steht in derselben Tabelle wie Schuldächer und Dialysegeräte. So zu tun, als wäre das anders, ist bequem, nicht ehrlich.“
- Bitten Sie Ihre kommunalen Behörden um Kostenaufschlüsselungen für einzelne Projekte, selbst wenn diese langweilig erscheinen.
- Vergleichen Sie diese Zahlen mit den durchschnittlichen Kosten einer Schule, Klinik oder Pflegeeinrichtung in Ihrer Region.
- Rechnen Sie die Beträge in Zahlen „pro Familie“ oder „pro Einwohner“ um, die tatsächlich nachvollziehbar sind.
- Achten Sie darauf, was während grosser Infrastrukturzyklen stillschweigend keine Finanzierung erhält.
- Sprechen Sie über diese Zielkonflikte in Alltagssprache statt in Verwaltungsjargon.
Was gebaut wird, zeigt, wer wir zu sein glauben
Sobald man Tunnel, Brücken und Megaprojekte als Aussagen über Werte betrachtet, lässt sich dieser Blick kaum wieder ablegen. Die Schweizer Faszination für den Untergrund erzählt von einem Land, das um jeden Preis verbunden bleiben und nicht im Herzen Europas umgangen werden will. Diese Geschichte beruht auf realer Geografie und Geschichte, drängt aber auch leisere Erzählungen in den Hintergrund: die Versorgung einer alternden Bevölkerung, ein neues Verständnis psychischer Gesundheit und ein zeitgemässes Lernen für die nächste Generation.
Stellen wir uns eine parallele Schweiz vor, in die derselbe Ingenieursstolz in Krankenhäuser ohne Wartezeiten oder in Schulen geflossen wäre, die auf Neugier statt auf überfüllte Lehrpläne ausgerichtet sind. Das Alpengestein wäre etwas ruhiger geblieben. Das Leben über der Erde könnte dafür deutlich lebendiger wirken.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für Leserinnen und Leser |
|---|---|---|
| Verborgene Zielkonflikte | Tunnelmilliarden könnten Dutzende Krankenhäuser oder Hunderte Schulen darstellen | Hilft Ihnen, die tatsächlichen „Kosten“ ikonischer Projekte zu erfassen |
| Methode der menschlichen Einheiten | Budgets für Megaprojekte in Betten, Lehrkräfte oder Klassenräume umrechnen | Gibt Ihnen ein einfaches Werkzeug, öffentliche Ausgaben zu hinterfragen |
| Ausgaben als Werte | Haushalte wirken als moralische Landkarten nationaler Prioritäten | Ermutigt dazu, Infrastruktur als politische und nicht nur als technische Entscheidung zu sehen |
Häufige Fragen:
- Frage 1: Hat die Schweiz wirklich „Tunnel statt Krankenhäuser und Schulen“ gewählt?
Antwort 1: Nicht durch eine direkte Entweder-oder-Abstimmung. Die Budgets sind nach Bereichen getrennt, und Tunnel werden aus spezifischen Verkehrsfonds bezahlt. Dennoch stammt alles öffentliche Geld aus derselben wirtschaftlichen Realität, weshalb langwierige und teure Projekte unweigerlich beeinflussen, was im gleichen Zeitraum sonst finanziert werden kann.
- Frage 2: Wie viele Krankenhäuser hätte der Gotthard-Basistunnel finanzieren können?
Antwort 2: Sein Budget von rund 12 Milliarden Franken entspricht je nach Grösse, Technik und Grundstückskosten ungefähr 12–20 mittelgrossen europäischen Krankenhäusern. Das ist ein Gedankenspiel und keine exakte Einkaufsliste, vermittelt aber ein Gefühl für die Grössenordnung.
- Frage 3: Sind Tunnel im Vergleich zu sozialer Infrastruktur wirtschaftlich nutzlos?
Antwort 3: Nein. Die grossen Alpentunnel bringen reale wirtschaftliche und ökologische Vorteile: schnelleren Gütertransport, weniger Lkw, niedrigere Emissionen und stärkere Handelsverbindungen. Es geht nicht darum, dass sie nutzlos wären, sondern darum, sie transparent gegen soziale Bedürfnisse abzuwägen, die weniger sichtbar, aber genauso entscheidend sind.
- Frage 4: Können Bürgerinnen und Bürger diese Megaprojekte tatsächlich beeinflussen?
Antwort 4: In der Schweiz ja: durch Referenden, Konsultationen und Kommunalpolitik. Die Sprache kann technisch und verschlossen wirken, doch beharrliche Fragen zu Kosten, Alternativen und sozialen Folgen haben Wirkung – besonders, wenn sie frühzeitig und gemeinsam gestellt werden.
- Frage 5: Sollte die Schweiz also aufhören, Tunnel unter den Alpen zu bauen?
Antwort 5: Die ehrlichere Debatte dreht sich nicht um einen vollständigen Stopp, sondern um Tempo und Ausgewogenheit. Weniger Prestigeprojekte und mehr Investitionen in Pflege, Bildung und alltägliche Infrastruktur könnten eine andere, menschlichere Geschichte darüber erzählen, was das Land in den nächsten 50 Jahren sein möchte.
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