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Jakarta sinkt: Warum die Megastadt im Meer versinkt

Junge steht im Hochwasser vor überfluteten Rollern und Häusern mit Pegelmessung in der Stadt.

Auf den ersten Blick erscheint die Millionenmetropole als scheinbar endlose Fläche aus Hochhäusern, Mopedverkehr und Baustellen. Hinter dieser Kulisse spielt sich jedoch ein leises Drama ab: Die Stadt sinkt jedes Jahr weiter ab, während das angrenzende Meer immer näher rückt. Für viele Millionen Menschen stellt sich längst die Frage, ob Jakarta in einigen Jahrzehnten überhaupt noch bewohnbar sein wird.

Die größte Metropolregion der Welt – und sie sackt ab

Jakarta, die Hauptstadt Indonesiens, wird inzwischen als bevölkerungsreichste Metropolregion der Welt angesehen. Im Großraum, der sich über mehr als 660 Quadratkilometer erstreckt, leben etwa 42 Millionen Menschen. Während die Skyline höher wird, der Verkehr die Straßen verstopft und der Bauboom ungebrochen scheint, bewegt sich der Untergrund in die andere Richtung: abwärts.

In manchen nördlichen Vierteln sinkt der Boden um mehr als 20 Zentimeter pro Jahr ab – ein Tempo, das weltweit zu den extremsten zählt.

Dieses Absinken, fachlich Bodensubsidenz genannt, geschieht nicht als zufälliges Naturereignis. Die Ursachen sind vor allem menschengemacht und deshalb grundsätzlich beeinflussbar – zumindest lässt sich die Entwicklung bremsen. Allerdings drängt die Zeit.

Warum der Boden unter Jakarta nachgibt

Im Zentrum des Problems steht Wasser, genauer gesagt der fehlende Zugang zu einer sicheren Trinkwasserversorgung. Zahlreiche ärmere Haushalte verfügen über keinen zuverlässigen Leitungswasseranschluss. Deshalb lassen sie Brunnen bohren oder verwenden Pumpen, um Grundwasser zu fördern. Was kurzfristig eine Lösung bietet, beschädigt langfristig das Fundament der Stadt.

Wird Wasser aus tiefer liegenden Grundwasserschichten entnommen, verlieren poröse Gesteine und Sedimente ihren „Wasserkern“. Dadurch können sie das Gewicht der Gebäude über ihnen schlechter tragen und verdichten sich. Das Resultat: Der Boden gibt nach.

  • Zu wenig Leitungswasser für Millionen Einwohner
  • Unkontrolliertes Abpumpen von Grundwasser
  • Verdichtung der Bodenschichten durch das Gewicht der Stadt
  • Versiegelte Flächen verhindern, dass Regenwasser nachsickert

Hinzu kommt der hohe Anteil an Beton und Asphalt. Straßen, Parkflächen und Hochhausanlagen versiegeln den Boden. Regenwasser, das früher versickern und die Grundwasserspeicher auffüllen konnte, wird heute über Gullis unmittelbar in Kanäle und Flüsse geleitet. Die natürlichen Reserven unter Jakarta erhalten kaum Gelegenheit, sich wieder aufzufüllen.

Meeresspiegel steigt – und die Stadt senkt sich noch schneller

Neben der Bodensenkung verschärft ein zweiter, weltweiter Trend die Lage: der ansteigende Meeresspiegel. Weil sich die Ozeane erwärmen und Gletscher abschmelzen, dehnt sich das Wasser aus und der Meeresspiegel steigt kontinuierlich. Lokale Schätzungen rechnen in einigen Bereichen mit zwei bis vier Zentimetern jährlich.

Schon für sich genommen wäre diese Entwicklung problematisch. Gemeinsam mit dem absinkenden Stadtboden entsteht jedoch ein Verstärkungseffekt: Der Höhenunterschied zwischen Meer und Stadt verändert sich dramatisch schnell. Im Norden Jakartas befinden sich ganze Stadtteile bereits heute unter dem Meeresspiegel. Noch schützen Deiche und Mauern vor den Wassermassen – doch diese Barrieren brechen immer wieder.

Eine Stadt, die gleichzeitig im Boden versinkt und von einem steigenden Meer umspült wird, gerät in eine gefährliche Zange.

Meerwasser dringt zunehmend häufiger in Wohnviertel ein. Überflutete Straßen, beschädigte Häuser und dauerhaft feuchte Lebensbedingungen sind die Folgen, unter denen sich Krankheiten leichter verbreiten können.

Wenn Regenzeit und Klimawandel auf marode Infrastruktur treffen

Jakarta liegt in den Tropen, und zwischen Oktober und März bringt die Regenzeit besonders starke Niederschläge. Durch den Klimawandel treten diese Regenfälle nicht nur häufiger auf, sondern fallen vielerorts auch heftiger aus. Innerhalb kurzer Zeit trifft damit mehr Wasser auf eine Stadt, deren Kanalsystem bereits an seine Grenzen stößt.

Zahlreiche Abwasserkanäle sind alt, verstopft oder unzureichend gewartet. Illegale Müllkippen verschlimmern die Situation zusätzlich, weil Plastiktüten und andere Abfälle die Durchläufe blockieren. Treffen Starkregen, hohe Flussstände und auflaufende Flut zusammen, genügen wenige Stunden, um ganze Viertel zu überfluten.

Auch die starke Luftverschmutzung durch Verkehr, Industrie und Müllverbrennung belastet die Stadt. Smog liegt regelmäßig über Jakarta, wobei Kinder und ältere Menschen besonders häufig unter Asthma und anderen Atemwegserkrankungen leiden. Klimafolgen, schlechte Luftqualität und Überbevölkerung verstärken sich gegenseitig.

Was Fachleute bis 2050 befürchten

Mehrere Untersuchungen schlagen Alarm: Setzt Jakarta seinen bisherigen Kurs fort, könnten bis zur Mitte des Jahrhunderts große Teile der Stadt unbewohnbar sein. Manche Fachleute gehen davon aus, dass ungefähr ein Drittel der Hauptstadt zumindest teilweise im Wasser verschwinden könnte, wenn keine wirksamen Maßnahmen umgesetzt werden.

Die wirtschaftlichen Schäden wären gewaltig. Jakarta ist Indonesiens politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum, und Millionen Arbeitsplätze sind direkt oder indirekt von der Stadt abhängig. Wer dort sein Zuhause verliert, verliert häufig zugleich den Zugang zu Arbeit, Bildung und medizinischer Versorgung.

Was die Regierung gegen das Versinken unternimmt

Die indonesischen Behörden setzen auf mehrere Strategien, um die schlimmsten Folgen abzuwenden:

  • Bau von Deichen und Küstenschutzanlagen im Norden der Stadt
  • Verbesserung des Abwassersystems und neuer Pumpstationen
  • Regeln, die das unkontrollierte Abpumpen von Grundwasser einschränken sollen
  • Umzüge besonders gefährdeter Bewohner in höhere Stadtteile

Der auffälligste Schritt ist jedoch politisch: Die Regierung will die Hauptstadt verlegen. Auf Borneo entsteht unter dem Namen Nusantara eine neue Hauptstadt, mehr als 1.200 Kilometer von Jakarta entfernt. Die veranschlagten Kosten liegen bei rund 35 Milliarden US-Dollar. Frühestens zur Mitte der 2040er Jahre soll das Vorhaben abgeschlossen sein.

Nusantara soll Jakarta als Regierungssitz entlasten – löst aber die Probleme der alten Megastadt nur zum Teil.

Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass die Pläne vor allem den politischen und administrativen Apparat verlagern. Die Notlage von Millionen Menschen in den gefährdeten Küstenvierteln werde dadurch jedoch nicht beseitigt. Viele Bewohner haben das Gefühl, mit dem steigenden Wasser allein gelassen zu werden.

Was eine Stadt vor dem Untergang retten könnte

Jakarta ist mit dieser Entwicklung nicht allein. Auch Metropolen wie Bangkok, Manila und Lagos stehen vor vergleichbaren Problemen. Nach Einschätzung von Stadtplanern und Klimaforschern gibt es mehrere Ansatzpunkte, die in solchen Regionen helfen können – sofern politischer Wille und ausreichende finanzielle Mittel vorhanden sind.

Maßnahme Nutzen
Ausbau der öffentlichen Trinkwasserversorgung Verringert Druck auf Grundwasserreserven
Strenges Management von Brunnen und Pumpen Stoppt unkontrolliertes Absenken des Bodens
Begrünung und Entsiegelung von Flächen Mehr Regenwasser versickert, Grundwasser speist sich neu
Modernes Abfluss- und Kanalsystem Bessere Kontrolle von Überschwemmungen bei Starkregen
Langfristige Küstenschutzprojekte Schützt vor Sturmfluten und steigendem Meeresspiegel

Vor allem der Zugang zu sauberem Leitungswasser ist entscheidend. Erhalten Menschen bezahlbares Wasser direkt aus der Leitung, sinkt der Anreiz, eigene Brunnen anzulegen. Das bewahrt die tieferen Bodenschichten und stabilisiert damit das gesamte Stadtgefüge.

Was sich aus Jakarta für andere Städte lernen lässt

Viele Menschen in Deutschland denken beim steigenden Meeresspiegel zuerst an Nord- und Ostsee, Deiche und Sturmfluten. Jakarta macht deutlich, wie stark menschliche Eingriffe und Folgen des Klimawandels zusammenspielen können – selbst weit entfernt von der offenen See.

Besonders drei Erkenntnisse stechen hervor:

  • Wasserinfrastruktur ist Sicherheitsinfrastruktur – fehlende Leitungen werden früher oder später teuer.
  • Versiegelte Flächen rächen sich in Krisenzeiten, weil jede Sickerfläche fehlt.
  • Großprojekte wie neue Hauptstädte wirken spektakulär, ersetzen aber keine konsequente Sanierung vor Ort.

Begriffe wie Bodensubsidenz wirken technisch, doch dahinter stehen konkrete Schicksale: Familien, deren Wohnzimmer jährlich ein Stück tiefer unter das Straßenniveau absinkt. Kinder, die auf dem Schulweg durch brackiges Wasser laufen. Händler, die ihre Geschäfte nach jeder Flut erneut leerpumpen müssen.

Wer heute Städte plant, ob in Asien, Afrika oder Europa, muss sich diesen Fragen stellen: Wie viel Grundwasser wird entnommen? Welche Flächen bleiben unversiegelt? Wie widerstandsfähig sind Abflüsse bei zunehmenden Niederschlägen? Jakarta ist ein drastisches Beispiel dafür, welche Folgen es hat, wenn solche Fragen zu lange unbeachtet bleiben – und wie schwierig es ist, eine sinkende Megastadt wieder zu stabilisieren.

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