Was an den Preistafeln der Tankstellen beginnt, bringt zahlreiche Handwerksbetriebe an den Rand der Insolvenz. Eine aktuelle Untersuchung der Branche verdeutlicht, wie stark explodierende Energiekosten das Baugewerbe belasten – insbesondere kleine und mittlere Unternehmen mit geringen Margen und einem großen Fuhrparkanteil.
Teurer Diesel zehrt die Gewinne auf
Seit dem Beginn der neuen Konflikte im Nahen Osten steigen die Kraftstoffpreise rasant. Für Bauunternehmer und Handwerksbetriebe ist das keine Nebensache, sondern eine Existenzfrage. Transporter, Kastenwagen, Lkw, Bagger und Kräne: Ohne Diesel kommt die Arbeit auf Baustellen zum Erliegen.
Die Branche berichtet: Über neun von zehn Betrieben spüren den Preisschock an der Zapfsäule unmittelbar in ihrer täglichen Arbeit.
Besonders schwer trifft es Unternehmen, die schwere Geräte mit dem sogenannten Gasöl für nicht straßengebundene Fahrzeuge (GNR) einsetzen. Dieser spezielle Dieselkraftstoff versorgt unter anderem Bagger, Radlader und Hubarbeitsbühnen – und hat sich deutlich verteuert.
Ein Praxisbeispiel zeigt das Ausmaß: Eine Baumaschine mit 20 Tonnen Gewicht benötigt etwa 20 Liter Kraftstoff je Stunde. Erhöht sich der Literpreis für Baustellendiesel um 30 Cent, verteuert sich der Einsatz dieser Maschine um rund 6 Euro pro Arbeitsstunde. Bei acht Betriebsstunden täglich entstehen damit knapp 50 Euro zusätzliche Kosten – je Maschine und Tag.
Kleine Handwerksbetriebe besonders verwundbar
Große Konzerne können Preissteigerungen zumindest teilweise auffangen. Sie handeln günstigere Einkaufskonditionen aus, bündeln ihre Fuhrparks und schließen langfristige Lieferverträge. Vielen kleinen Handwerksbetrieben fehlen diese Möglichkeiten. Mit einem oder zwei Transportern fahren sie täglich mehrere Baustellen an, kalkulieren eng und tragen das Kraftstoffrisiko häufig allein.
In ländlichen Gebieten kommen lange Fahrstrecken hinzu. Einige Cent Aufschlag pro Liter wirken zunächst gering, summieren sich über Wochen und Monate jedoch rasch zu Mehrkosten von mehreren Tausend Euro. Dieses Geld war weder im Angebot berücksichtigt noch lässt es sich problemlos nachträglich beim Kunden einfordern.
Materialpreise ziehen gleichzeitig an
Kraftstoffkosten sind lediglich der unmittelbar sichtbare Teil der Belastung. Der Preisschock setzt sich entlang der gesamten Lieferkette fort. Produzenten und Händler reichen höhere Energie- und Transportausgaben an ihre Kunden weiter – also an Bau- und Handwerksunternehmen.
Besonders betroffen sind Baustoffe, deren Herstellung stark von Erdöl oder energieintensiven Prozessen abhängt. Nach Angaben aus der Branche verzeichnen weit mehr als die Hälfte der Betriebe Preisaufschläge seitens ihrer Lieferanten, teils in erheblichem Umfang.
- Erdölbasierte Erzeugnisse wie Bitumenbahnen, Dämmplatten und PVC-Rohre
- Holz und Holzwerkstoffe, beispielsweise Schalungen, Dachlatten und Plattenwerkstoffe
- Beton- und Zementprodukte
- Metalle wie Kupfer und Zink
- Dämmstoffe wie Mineralwolle und Glaswolle
Preissteigerungen von wenigen Prozentpunkten bis hin zu 20 Prozent bei einzelnen Warengruppen sind inzwischen keine Seltenheit. Gerade bei Dämmstoffen berichten Händler von Zuwächsen im zweistelligen Bereich. Viele Transportunternehmen arbeiten derzeit an der Rentabilitätsgrenze, kürzen ihre Touren oder setzen unrentable Strecken vorübergehend aus – was die Situation zusätzlich verschärft.
Lieferengpässe stören Bauabläufe
Neben höheren Preisen gibt es Warnungen vor möglichen Unterbrechungen bei der Lieferung. Bei Standardmaterialien wie Glaswolle, bestimmten Holzarten oder Gipskartonplatten melden zahlreiche Zulieferer zeitweilige Engpässe. Auf Baustellen führt das zu Verzögerungen, ungeplanten Umstellungen und Leerlauf für die Teams.
Fällt ein zentrales Bauteil aus, kann ein ganzer Ablaufplan kippen: Wände bleiben offen, Folgegewerke warten, Abschlagszahlungen verzögern sich.
Vor allem kleinere Betriebe geraten dadurch schnell unter Liquiditätsdruck. Löhne, Mieten und Leasingraten müssen weiter bezahlt werden, während Rechnungen erst später gestellt oder beglichen werden können.
Kostenvoranschläge in Gefahr: Angebote werden zum Risiko
Ein weiterer kritischer Bereich ist die Kalkulation von Angeboten. Wer heute einen Festpreis zusagt, kann kaum einschätzen, zu welchen Preisen Material und Kraftstoff in drei Monaten verfügbar sein werden. Viele Unternehmer berichten, dass Händler ihre Preislisten monatlich ändern.
Die Konsequenzen:
- Kostenvoranschläge verlieren an Verlässlichkeit, während Nachträge zunehmen.
- Kunden reagieren auf Preisänderungen verunsichert oder misstrauisch.
- Betriebe übernehmen einen immer größeren Anteil des Kostenrisikos selbst.
Einige Unternehmen verzichten mittlerweile auf längere Preisbindungen oder versehen ihre Angebote mit eindeutigen Gültigkeitsfristen und Preisgleitklauseln. Das bietet zwar einen gewissen Schutz, macht die Gewinnung neuer Aufträge jedoch schwieriger: Privatkunden und kleinere Auftraggeber scheuen unsichere Endpreise.
Psychische Belastung für Unternehmer und Beschäftigte
Der wirtschaftliche Druck bleibt für die Menschen im Handwerk nicht folgenlos. Nach zwei Jahren mit Ukraine-Krieg, Materialknappheit und schwankender Nachfrage bringt die nächste Kostenwelle viele Inhaber an ihre Belastungsgrenze.
Vertreter der Branche berichten zunehmend von Erschöpfung, Schlafproblemen und Existenzängsten. Einige Verbände erwägen bereits spezielle Anlaufstellen für psychologische Unterstützung. Die Arbeit auf dem Bau ist ohnehin körperlich anspruchsvoll. Kommt dauerhafte wirtschaftliche Unsicherheit hinzu, schlägt die Stimmung schnell in Resignation oder Wut um.
Branchenverbände verlangen Gegenmaßnahmen
Die wichtigsten Interessenvertretungen des Bauhandwerks erhöhen den Druck auf die Politik. Sie warnen davor, dass ohne rasche Entlastungen nicht nur Unternehmensinsolvenzen drohen, sondern auch dringend benötigte Modernisierungs- und Klimaschutzvorhaben ins Stocken geraten könnten.
Im Mittelpunkt stehen mehrere Forderungen:
- Eine reduzierte Mehrwertsteuer auf Renovierungen und Sanierungen, um Aufträge anzukurbeln und Betriebe zu entlasten.
- Zeitlich begrenzte Hilfen bei Kraftstoffkosten für Baustellenfahrzeuge und Baumaschinen.
- Steuerliche Entlastungen oder eine Begrenzung von Abgaben auf Kraftstoffe, damit extreme Preisspitzen abgefedert werden.
- Die Wiederaufnahme krisenpolitischer Gespräche zwischen Regierung, Verbänden und Akteuren der Lieferketten.
Einige Vertreter erinnern an frühere Instrumente wie eine „gleitende“ Energiesteuer, die bei stark schwankenden Ölpreisen automatisch gegensteuerte. Damit soll der doppelte Effekt aus hohen Rohölpreisen und hohen Steuern je Liter Diesel abgeschwächt werden.
Klimapolitik und Handwerk im Spannungsfeld
Die gegenwärtige Krise trifft das Baugewerbe in einer Phase, in der Regierungen den Ausbau erneuerbarer Energien und energetische Sanierungen massiv vorantreiben. Aus Sicht vieler Handwerker ist das widersprüchlich: Einerseits sollen sie Wärmepumpen, Dämmungen und Photovoltaikanlagen in Rekordumfang installieren, andererseits untergräbt die Kostenlawine ihre wirtschaftliche Grundlage.
Ohne wirtschaftlich stabile Bau- und Handwerksbetriebe bleiben Klimaziele Theorie. Jeder insolvente Betrieb verringert die Kapazitäten für die Modernisierung von Häusern, den Ausbau von Netzen und die Anpassung der Infrastruktur.
Was Betriebe selbst jetzt tun können
Trotz aller politischen Forderungen versuchen viele Unternehmer, mit eigenen Maßnahmen gegenzusteuern. Zu den verbreitetsten Ansätzen gehören:
- Tourenplanung verbessern: Fahrten zusammenlegen, Leerfahrten vermeiden und digitale Routenplanung einsetzen.
- Fahrzeuge kontrollieren: Kraftstoffsparende Modelle bevorzugen, die Wartung optimieren und den Reifendruck konsequent prüfen.
- Kalkulation überarbeiten: Variable Energiekosten im Angebot transparent ausweisen und Gültigkeitszeiträume begrenzen.
- Lagerhaltung anpassen: Kritische Materialien frühzeitig beschaffen, ohne übermäßige Bestände aufzubauen.
- Kooperationen nutzen: Transporte mit benachbarten Betrieben teilen oder gemeinsam einkaufen.
Für viele Betriebschefs ist dies ein schmaler Grat: Zu starke Preisanpassungen können Kunden abschrecken, zu wenig Gegensteuerung führt den Betrieb in die Verlustzone.
Erläuterungen zu wichtigen Begriffen
Der häufig genannte Baustellendiesel (GNR) ist ein besonderer Kraftstoff für Arbeitsmaschinen, der nicht im regulären Straßenverkehr verwendet werden darf. Für ihn gelten eigene Steuer- und Abgabenvorschriften, weshalb er besonders empfindlich auf politische Entscheidungen zur Energiebesteuerung reagiert.
Ebenso zentral ist der Begriff Margen. Er beschreibt die Differenz zwischen den Ausgaben eines Betriebs für Material, Löhne und laufende Kosten sowie dem Preis, der dem Kunden berechnet wird. Wenn diese Margen durch steigende Kosten schrumpfen, bleibt selbst bei vollen Auftragsbüchern kaum Gewinn. Das ist ein verborgenes, aber äußerst ernstes Risiko für die Stabilität der gesamten Bauwirtschaft.
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